• Mar 29, 2017|
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  • Hendrik Sudowe

Der Notfall in der Zahnarztpraxis

Worin bestehen ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für das erstversorgende Praxisteam?

Notfallmedizin ist gar nicht so kompliziert, dafür aber recht komplex. Ein überraschender Ereigniseintritt, fulminante Verläufe, Bedrohung, Gefahr und Risiko. Dazu ein Team, das gar nicht die Chance hat eine Routine in der Versorgung von Notfallpatienten aufzubauen, weil der Herzinfarkt in der Zahnarztpraxis glücklicherweise eben nicht alltäglich ist. Das hat schon ein gewisses Stresspotenzial. Viel bedeutsamer als das notfallmedizinische Wissen – es gibt meistens nur wenige eindeutig belegbar wichtige Interventionen – sind Struktur und Kommunikation. Menschliche Faktoren, die am besten vorab in Simulationen trainiert werden.

Welche Maßnahmen erwarten Sie vom Praxisteam vor dem Eintreffen des Rettungsdienstes?

Manchmal ist weniger mehr. Der Patient mit einem Kreislaufstillstand, der vom Team eine konsequente und vor allem permanente Herzdruckmassage, kombiniert mit einer suffizienten Beatmung mit einfachen Hilfsmitteln und Sauerstoff, erhalten hat, ist definitiv wesentlich besser versorgt, als derjenige, bei dem eine endotracheale Intubation mit kaum abwägbaren Risiken oder eine i.v.-Medikation ohne echte Wirksamkeitsnachweise auf Kosten kontinuierlicher Basismaßnahmen erzwungen wurde. Oberste Priorität ist immer die Stabilisierung sauerstoffversorgender Funktionen des Körpers. Wenn das gelungen ist, sind die wichtigsten Ziele der Notfallmedizin schon mal erreicht!

Was kann das Praxisteam vorbereitend tun, um diesem Anspruch gerecht zu werden?

Trainieren! Die Abläufe, die in einem echten Notfall greifen müssen, kann man sehr gut in Simulationen einüben. Das Team lernt dabei, in Stresssituationen eindeutig zu kommunizieren und sich schnell und zielführend zu organisieren. Auch über die praxiseigene Equipmentvorhaltung können entscheidende Weichen gestellt werden. Entscheidend sind die übersichtliche und funktionale Anordnung derjenigen Materialien, die wirklich gebraucht werden – und ein konsequenter Verzicht, auf Medikamente, die nicht unbedingt benötigt werden, dafür aber mit erheblichem Komplikationspotenzial behaftet sind.

Wie wichtig ist Sauerstoff in der Notfallmedizin?

Nach wie vor sehr wichtig! Auch wenn man mittlerweile etwas differenzierter damit umgeht. Beim Herzinfarkt beispielsweise gibt es eindeutige Leitlinien, die vorgeben, bei welchem Patienten Sauerstoff indiziert ist und bei welchem nicht. So wird das unkomplizierte Koronarsyndrom, wenn keine Atemnot oder Zeichen für eine Lungenstauung vorliegen und die Sauerstoffsättigung nicht unter 94% gefallen ist, nicht mehr mit Sauerstoff behandelt. Für Patienten, die ihn benötigen, ist Sauerstoff aber nach wie vor das wichtigste Medikament. Ein schonender Umgang mit der Ressource Sauerstoff in der Zahnarztpraxis im Falle einer Reanimation ist übrigens gut zu rechtfertigen, wenn ein Beatmungsbeutel mit adäquatem Reservoirsystem verwendet wird. Auch ein sparsamer Flow von etwa 6 Litern pro Minute wird im Vergleich zu maximalen Dosierungen von 15 Litern pro Minute zu absolut adäquaten Sauerstoffkonzentrationen führen. Letztlich zeigen sich auch hier die Vorteile einer praktikablen Vorplanung.